Wir wollten einen sicheren Ort schaffen
Johanna kommt ursprünglich aus einer kleinen Ortschaft im Landkreis Neumarkt (Oberpfalz), mittlerweile lebt sie mit ihrem Freund und ihrer Katze Coco in einer Wohngemeinschaft in Erlangen. Sie ist Rechtsreferendarin und die erste Vorsitzende im Verein Safe Space Neumarkt e. V. Luisa ist die Geschäftsführerin des Vereins, arbeitet als Sozialpädagogin und lebt in Neumarkt. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen haben sie das Schutzcafé Neumarkt gegründet, das von Gewalt betroffenen Personen eine Anlaufstelle und Unterstützung im Landkreis Neumarkt bieten soll. Wie es zu der Idee kam und was ihre Herausforderungen waren und noch immer sind, erzählen sie hier.
Betroffene Personen sollen sich willkommen fühlen
Wie ist die Idee für das Schutzcafé entstanden?
Johanna: Die Idee ist entstanden, als es einen Hackathon vom Bayerischen Jugendring und vom Bayerischen Sozialministerium gab. Wir haben uns dazu konkret überlegt, was in Neumarkt fehlt und haben festgestellt, dass es keine unabhängige Beratungsstelle im Landkreis gibt. Eine, zu der man hinkommen kann und die ein sicherer Ort ist, an dem man nicht unbedingt gleich sprechen muss, sondern auch erstmal nur zuhören kann. Als wir dann Geld für dieses Projekt bekommen haben, haben wir das dann so umsetzen können. Das war ziemlich cool.
Warum ist euch dieses Projekt so wichtig?
Johanna: Das hat verschiedene Gründe. Zum einen finden wir es wichtig, dass es einen sicheren Ort in Neumarkt gibt. Zum anderen sieht man auch, was in der Zwischenzeit aus diesem Projekt geworden ist. Es steht auch richtig tolles Team hinter dem Ganzen, das Herzblut und Zeit investiert.
Wir haben außerdem noch ganz viele andere Projekte, wie z. B. die Kampagne „Luisa ist hier!“. Wir haben Workshops gegeben, viele Kontakte geknüpft, waren bei Beratungsstellentreffen mit am Runden Tisch dabei oder haben bei der Bäckertütenaktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ mitgemacht.
Es haben sich richtig coole Sachen aus dem Schutzcafé heraus entwickelt. Das war damals ein guter Ausgangspunkt und ist auch heute noch eine tolle Sache, weil es so ein Angebot hier in Neumarkt nicht gibt.
Gab es Zweifel oder Ängste am Anfang?
Johanna: Natürlich gab es am Anfang Zweifel und Ängste. Die gab es sogar eine wirklich lange Zeit, weil das Projekt sehr langsam angelaufen ist und sich lange wenig Menschen bei uns gemeldet haben. Was eigentlich auch verständlich ist, denn Beratungsstellen funktionieren darüber, dass man jemanden kennt, der schon einmal da war und gute Erfahrungen gemacht hat. Und dafür braucht man auch Menschen, die eine gute Erfahrung gemacht haben. Wir sind da tatsächlich noch immer am Aufbau, aber wir merken, dass es voran geht und immer mehr Leute auf uns zukommen. Es ist tatsächlich eine sehr schöne Erfahrung, wenn man merkt, dass es jetzt klappt.
So gut das jetzt auch läuft, haben wir manchmal schon Ängste und Zweifel, ob wir die Zeit und Power haben, dieses Projekt langfristig zu stemmen. Denn am Ende des Tages sind wir doch ein recht kleines Team und wir suchen daher immer nach Leuten, die uns unterstützen wollen. Da es natürlich zeitlich und von den Kapazitäten her betrachtet schon eine Herausforderung ist, das alles gut zu schaffen.
Was war bisher die größte Herausforderung?
Johanna: Das kann ich so überhaupt nicht sagen, es gibt immer wieder Herausforderungen. Eine ist auf jeden Fall, das alles zeitlich zu managen. Da sind wir aber mittlerweile auf einem ziemlich guten Weg, denn wir haben immer mehr Mitglieder. Dennoch freuen wir uns über jede Person, die uns unterstützen möchte, weil es eine sehr große Hilfe ist, wenn jemand bei uns einsteigen und mitarbeiten will.
Eine lange Zeit war auch die Finanzierung ein Problem, aber das hat sich mit der Zeit stabilisiert. Die größte Herausforderung aus meiner Sicht war es tatsächlich, dass Leute zu uns kommen. Da hat es wirklich geholfen, dass wir uns im Landkreis etabliert und dadurch immer mehr Menschen von uns gehört haben. Und das merkt man auch. Denn es kommen immer mehr Personen auf uns zu und berichten uns von ihren Erfahrungen. Es gehen auch immer mehr E-Mails mit Terminanfragen ein. Es ist so schön zu sehen, dass wir diese schwierige Anfangszeit gemeistert haben.
Luisa: Ich empfand es am Anfang als große Aufgabe, das Schutzcafé an sich aufzubauen und einen geeigneten Ort dafür zu finden. Gelder zu bekommen und die Finanzierung an sich sicherzustellen, ist auch immer eine Herausforderung. 2024 haben wir das Bäckertütenprojekt „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ gestartet und das war wirklich sehr zeitintensiv. Wir mussten Sponsoren dafür finden, Druckereien anfragen, brauchten eine Grafik und dann ging es noch darum, dass alles mit der Bäckerinnung zu koordinieren. Das war für mich persönlich bisher die größte Herausforderung.
Gab es eine Begegnung, die euch besonders berührt hat?
Luisa: Es kommen immer mal wieder Frauen auf uns zu die erzählen, dass sie früher selbst betroffen waren von häuslicher Gewalt. Und die es ganz schön finden, dass es jetzt eine Anlaufstelle für Betroffene in Neumarkt gibt und sie gerne mithelfen und es unterstützen möchten.
So sind wir auch zu vielen unserer Mitglieder im Verein gekommen und das berührt mich schon sehr. Gerade weil da ganz viele Geschichten dahinterstecken und ich es bewundere, wenn die Leute ihre eigenen schlimmen Erfahrungen für etwas Gutes einsetzen möchten. Und das wiederum ist natürlich auch für uns sehr positiv, da wir so Unterstützung bekommen und dadurch selbst davon profitieren. Uns stärkt es auch sehr, wenn man die Rückmeldung bekommt, dass das Schutzcafé eine wichtige Anlaufstelle ist.
Was wünscht ihr euch, dass Personen dort fühlen, wenn sie zur Tür hereinkommen?
Luisa: Wir wünschen uns, dass sich alle Menschen erstmal herzlich willkommen fühlen, wenn sie in unserem Café ankommen. Dass sie das Gefühl haben einen Ort gefunden zu haben, wo sie mit jemandem reden können. Man kann nichts richtig oder falsch machen, es gibt überhaupt keine Erwartungen. Hier gibt es die Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und wir können gemeinsam überlegen, wie es weitergehen kann und welche möglichen Anlaufstellen es gibt. Deswegen wünschen wir uns sehr, dass sich die Menschen einfach nur mit offenen Armen empfangen fühlen.
Wie schafft man es, gesunden Abstand zu wahren und die Erlebnisse der Betroffenen nicht zu nah an sich herankommen zu lassen?
Luisa: Das ist manchmal gar nicht so einfach, da einige Geschichten schon sehr krass sind und es einem durchaus nahe geht. Gerade wenn man nicht nur ein einmaliges Gespräch hat, sondern diese Person länger betreut und auch über Wochen und Monate mitbekommt, wie sich das alles weiterentwickelt.
Bei uns ist meistens eine Person hauptzuständig, die kümmert sich um den Kontakt und nimmt die Gespräche wahr. Wir versuchen schon, dass es nicht nur eine Person ist, aber manchmal geht es auch nicht anders. Das ist auch ein wenig von den Kapazitäten der anderen abhängig.
Wir haben es dann für uns so gelöst, dass es nach Terminen, Gesprächen oder Telefonaten mit anderen Personen aus dem Team nochmal eine Art Debriefing gibt. Das heißt, wir stehen telefonisch miteinander in Kontakt und tauschen uns darüber aus, was im Termin erzählt wurde und was der aktuelle Stand ist. Wenn es um eine Entscheidung geht, wird eh mit allen anderen darüber gesprochen, bevor etwas festgelegt wird. Damit hat niemand die alleinige Verantwortung, sondern es ist immer eine Entscheidung des Teams.
So kommen wir eigentlich ganz gut klar mit der Psychohygiene und schaffen es, die Fälle und Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen und ganz nah an uns heranzulassen.
Was braucht es, damit Projekte wie eures langfristig bestehen können?
Luisa: Auf jeden Fall Durchhaltevermögen und stetiges dranbleiben. Man muss akzeptieren, dass dieses Angebot eben nicht von heute auf morgen angenommen wird. Es ist auch wirklich viel Netzwerkarbeit zu machen, damit die Leute einen kennen. Die bereits vorhandenen Fachstellen vor Ort müssen das Angebot kennen und dann braucht es einfach Zeit, bis es sich rumgesprochen hat.
Außerdem muss man in der Öffentlichkeit präsent sein, so war es zumindest bei uns. Eine Präsenz auf Social Media ist wichtig, man sollte auch immer wieder in den Zeitungen auftauchen und in den Fachgremien vor Ort erscheinen.
Die Finanzierung ist natürlich auch immer ein großer Aspekt, denn ohne Geld kann so ein Projekt auch schlecht fortbestehen. Daher sind wir eigentlich konstant auf der Suche nach Fördergeldern und überlegen, wer das Schutzcafé unterstützen könnte.
Nicht zu unterschätzen aber ist das Team, zumindest bei uns. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir viele Leute bei uns haben, die das ganze vorantreiben. Das sind Leute, die wirklich Lust darauf haben, die seit Jahren mit Engagement dabei sind und das ganze Projekt weiterentwickeln. Ich glaube auch, dass der Erfolg damit steht und fällt. Es geht nicht ohne Leute, denen das Thema total wichtig ist und die ihr Herzblut da reinstecken. Und das Projekt so immer am Laufen halten.
Johanna: Dazu möchte ich noch ergänzen, dass wir als Verein ein richtig gutes Team geworden sind. Wenn ich sehe, wie toll wir zusammenarbeiten und wie gut wir uns ergänzen, macht mich das richtig stolz. Es ist sehr schön zu sehen, was man alles schaffen kann, wenn man zusammen hilft.
Liebe Johanna, liebe Luisa. Vielen Dank für das tolle Interview und euer Engagement.
Hier findest du mehr zum Schutzcafé in Neumarkt (Oberpfalz):
Website: https://schutzcafe-neumarkt.de
Instagram: http://www.instagram.com/schutzcafe_neumarkt
Du möchtest das Schutzcafé Neumarkt mit einer Spende unterstützen?
Raiffeisenbank Neumarkt i.d.OPf e.G
Kontoinhaber: SafeSpace Neumarkt e.V.
IBAN: DE69 7606 9553 0000 2919 00
BIC: GENODEF1NM1
Bist du von häuslicher Gewalt betroffen? Hier findest du Hilfe:
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
Unter der Nummer 116 016 ist das Hilfetelefon ist rund um die Uhr für Frauen mit allen Nationalitäten erreichbar.
Website: https://www.hilfetelefon.de
Weißer Ring
Das Opfer-Telefon ist unter der Nummer 116 006 an sieben Tagen von 7:00 bis 22:00 Uhr erreichbar.
Website: https://www.weisser-ring.de
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